Alkohol satt

Kann Wein zum Essen gesund sein?

Neue Befunde zu einer alten Debatte

https://zeitung.faz.net/data/718/reader/reader.html?social#!preferred/0/package/718/pub/1012/page/29/content/133627

...von Nicola Lutterotti


Mittwoch, 28. Januar 2026, Rhein-Zeitung Kreis Neuwied, 28.01.2026 / Lokales
„Als wären wir die Katastrophe für das System“
Von Lydia Schauff
Die Weinbaubranche kriselt: Könnte eine Mehrwertsteuersenkung auf Wein Winzern helfen? Das sagen die Weinbauern Kreis Neuwied. Die Mehrwertsteuer auf Wein ist für Winzer Gotthard Emmerich vom Weingut Emmerich in Leutesdorf eines der geringsten Probleme. Was den Winzer wirklich auf die Palme bringt, ist die neue pauschale Verdammung jedes Tropfen Alkohols in Deutschland, seit die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ihre Haltung zum Alkoholkonsum überarbeitet und eine „Null-Promille-Empfehlung“ ausgegeben hat. Demnach gibt es „keine potenziell sichere Alkoholmenge für einen unbedenklichen Konsum“.
Was Emmerich besonders ärgert, ist, dass Wein und Weintrinker in entsprechenden Dokus oder Beiträgen immer wieder als Bildmotiv herhalten müssen, „als wären wir die Katastrophe für das Gesundheitssystem“. Zudem ist Emmerich sauer darüber, dass bei all den Debatten unterschlagen wird, dass es Studien gibt, wonach Weintrinken in einem sehr moderaten Maß durchaus positive Effekte haben kann. Auf seiner Webseite teilt Emmerich, der auch Mitglied der Initiative „Wine in Moderation“ ist (siehe Infobox), ein entsprechendes Frage-und-Antwort-Stück der Deutschen Weinakademie.
Darin heißt es: „Es stellt sich vor allem die Frage, warum sich die DGE in ihren Handlungsempfehlungen auf die ältere Veröffentlichung der ‚Global Burden of Disease Study‘ (GBD 2018) beruft, nicht aber auf die aktuelle Studie von 2022.“ Diese identifiziere basierend auf einer differenzierteren Analyse der früheren Aussagen durchaus einen „sicheren, sogar protektiven Bereich“ für moderaten Alkoholkonsum. Das gilt aber nicht für junge Menschen, sondern nur für Erwachsene mittleren und höheren Alters (ab 40 Jahren). Und in der Studie wird darauf verwiesen, dass auch individuelle Faktoren (Vorerkrankungen, Medikamente) eine Rolle spielen.
Mit Verweis auf einen aktuellen Bericht der Dachorganisation der US-amerikanischen Wissenschaftsakademien NASEM im Auftrag des US-Kongresses heißt es im FAQ des Deutschen Weininstituts außerdem: „Zunehmend weisen renommierte Wissenschaftler darauf hin, dass die pauschale Ablehnung moderaten Konsums wissenschaftlich nicht haltbar ist.“ Erst am Freitag hatte die FAZ online ein Interview mit dem Rüdesheimer Internisten Johannes Scholl veröffentlicht, der das bestätigt. Er macht aber auch deutlich, dass auch individuelle Faktoren eine Rolle spielen. Eine andere Feststellung: Bei Spirituosen gibt es laut Studien nichts Positives.
Dass nun Schnaps-, Bier- und Weintrinker in einen Topf geworfen werden, ist für den Leutesdorfer Winzer Gotthard Emmerich ein Unding. Natürlich wisse man, dass Alkohol grundsätzlich ein Nervengift ist, aber Weintrinker seien „Genusstrinker und keine Komasäufer“, ist er überzeugt. Ein Grund dafür, dass die Branche gerade in einer „historischen Krise“ steckt, wie es in einem zum Jahresende 2025 erschienenen Marktbericht des Deutschen Bauernverbands heißt, ist, dass immer weniger Wein getrunken wird. Laut Zahlen des Deutschen Weininstituts haben zwischen August 2024 und Ende Juli 2025 über 16-Jährige im Schnitt 21,5 Liter Wein getrunken; pro Kopf eine Flasche weniger als im Vorjahreszeitraum.
Angesichts dessen ist die aktuelle Debatte auf Kosten des Weingenusses für Emmerich „eine Katastrophe“. Er fürchtet, dass dieser weitere Weinbaubetriebe zum Opfer fallen werden. Er kenne Weingüter an der Mosel und in der Pfalz, denen es bereits so ergangen ist, weil diese ihren Wein nicht mehr verkaufen konnten. Dann wäre eine Mehrwertsteuersenkung vielleicht doch hilfreich? „Das wäre eine vernünftige Sache, wenn es an die Verbraucher weitergegeben würde“, sagt Kay Thiel von Kay Weine in Königswinter-Oberdollendorf, der auch Lagen in Dattenberg und Leutesdorf hat. Gleichzeitig sagt er aber auch, dass das nur ein „Mosaiksteinchen“ wäre und er nicht glaubt, dass man dadurch mehr Menschen zum Weintrinken animieren würde. Thiel macht ganz andere Rädchen aus, an denen gedreht werden muss, um den Absatz der lokalen und regionalen Weine zu steigern. Dazu zählt für ihn etwa eine „bessere Verzahnung von Tourismus und Weinbau“. Thiel selbst setzt darauf, Kultur und Wein miteinander zu verbinden. In seiner Vinothek in Oberdollendorf bietet er regelmäßig in kleinem Rahmen Konzerte an. Dadurch kämen auch Leute, die vorher noch nie da waren. Im Ticketpreis stets enthalten: ein Glas Wein. „Man muss sich was einfallen lassen und Ideen haben“, sagt Kay Thiel, für den vor allem auch eine persönliche Bindung zu den Kunden ein wichtiges Pfund ist. Auch die Gastronomen vor Ort seien gefragt. Thiel ist aufgefallen: Statt, dass die von Winzern aus der Umgebung anbieten, finden sich auf der Karte Weine aus Rheinhessen oder der Pfalz. „Regionale Loyalität wäre sehr schön“, sagt er.
An Loyalität scheint es den Deutschen, wenn es darum geht, Wein aus den eigenen Landen zu trinken, etwas zu mangeln. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer hatte in einer Rede zum Start der Grünen Woche im Bundestag darauf hingewiesen, dass in Österreich zu 90 Prozent österreichischer Wein getrunken werde, in Deutschland hingegen nur zu 42 Prozent deutscher Wein. Etwas, dass sich aus seiner Sicht ändern müsse. „Es geht nicht darum, dass die Menschen einfach nur mehr Wein trinken, sondern darum, dafür zu sorgen, dass sie mehr deutschen Wein trinken“, sagte er und verwehrte sich gegen Vorwürfe, er unterstütze die Alkohollobby. Auch Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbands, hatte appelliert: „Trinkt mehr deutschen Wein.“ Für Georg Scheidgen vom Weingut Scheidgen in Hammerstein ist ein Weg für die Zukunft des Weinbaus auch, mit der Zeit zu gehen. Dazu gehört für ihn auch, „alkoholfreie oder alkoholreduzierte Varianten anzubieten“. Eine Mehrwertsteuersenkung auf Wein hingegen würde aus Scheidgens Sicht nur dazu führen, dass an einer anderen Stelle wieder etwas draufgeschlagen wird. Eine wirkliche Hilfe und Entlastung sähe auch Scheidgen darin, wenn die angekündigte Entbürokratisierung umgesetzt wird und mansich künftig mit weniger Formularen herumschlagen muss.                                                                                                     Auch das Rheinbreitbacher Weingut Keune geht mit der Zeit, bietet etwa alkoholreduzierte Varianten an. Winzer Karsten Keune sagt, dass man den Verbraucher „mit Qualität überzeugen“ muss. Eine Mehrwertsteuersenkung würde er nicht ablehnen, mit Blick auf Bürokratie und Anforderungen sagt er ab: „Es hilft schon, wenn der Staat Winzern nicht noch weitere Lasten aufbürdet.“ Ansonsten ist Keune optimistisch: „Ich denke, die Krise ist auch irgendwann vorbei.“
„Wine in Moderation“ ist eine internationale Initiative der Weinwirtschaft, die 2008 vom europäischen Weinsektor gegründet wurde und heute weltweit aktiv ist. Sie wird von Verbänden der Weinbranche, Weingütern, Händlern, Gastronomie und nationalen Koordinatoren wie der Deutschen Weinakademie getragen und richtet sich an Fachleute, aber auch an Konsumenten. Die Initiative ist als gemeinnütziger Verein (WiM Association) organisiert, der die Programme international koordiniert.
Ziel der Initiative ist es, einen bewussten, verantwortungsvollen Weingenuss zu fördern, über Risiken von Alkoholmissbrauch aufzuklären, alkoholbedingte Schäden zu verringern und Wein als Kultur gut im Rahmen eines gesunden Lebensstils zu verankern, verbunden mit klaren Leitlinien für verantwortungsvolles Marketing und Kommunikation.
Mehr Infos: https://wineinmoderation.eu/de/ sly
Gotthard Emmerich räumt seinen Wein im Dezember in das Regal in einem Rewe-Markt. Der Winzer aus Leutesdorf ärgert sich darüber, dass mittlerweile jeder Tropfen Alkohol verunglimpft wird.

 

 


Ein Viertel Wein am Tag ist besser als gar kein Alkohlol

https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region-und-hessen/mediziner-raet-ein-viertel-wein-am-tag-ist-besser-als-gar-kein-alkohol-accg-200459304.html


Deutsche Weinakademie

Stand 11.12.2025

FAQ = Häufig gestellte Fragen und Antworten zum plötzlichen Sinneswandel der DGE, die deutsche Gesellschaft für Ernährung

 

Dazu die Deutsche Weinakademie:

 

Fragen und Antworten zum Konsum alkoholischer Getränke und der „Null-Promille-Empfehlung“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)

 

In welchen Situationen sollte aus Sicht der Weinwirtschaft auf den Konsum alkoholischer Getränke verzichtet werden?

 

Als Weinwirtschaft, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, stehen wir für das Prinzip der Punktnüchternheit. Mit anderen Worten: Es gibt zahlreiche Situationen, in denen sich jeder Alkoholkonsum, auch in geringen Mengen, verbietet, etwa für Kinder und Jugendliche bis zu einem bestimmten Alter, Schwangere und Stillende oder andere vulnerable Gruppen. Auch dass es Krankheiten gibt, bei denen selbst die geringe Zufuhr von Alkohol das Risiko erhöhen kann, muss beachtet werden. Ebenso ist unbestritten, dass der Konsum größerer Mengen alkoholischer Getränke schwere gesundheitliche Schäden hervorrufen kann und jede Form missbräuchlichen Verhaltens in einer gemeinsamen gesellschaftlichen Anstrengung eingedämmt werden muss. Aber wichtig ist uns zu betonen: Die überwältigende Mehrheit der Menschen in Deutschland genießt Wein und Bier maßvoll und verantwortungsbewusst oder lebt grundsätzlich abstinent.

 

Welche allgemeinen Empfehlungen galten bisher für den Genuss alkoholischer Getränke?

 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) empfahl bisher für gesunde Erwachsene eine tägliche Höchstmenge von etwa 20 Gramm reinem Alkohol für Männer (entspricht ca. 0,5 Liter Bier oder 0,25 Liter Wein) und 10 Gramm für Frauen. Darüber hinaus wurde geraten, mindestens zwei alkoholfreie Tage pro Woche einzulegen, um einer Gewöhnung vorzubeugen. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (heute: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit) hat diese Trinkempfehlungen veröffentlicht.

 

Warum hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ihre bisherige Empfehlung verändert?

 

Die DGE hat 2024 ihre Empfehlungen zum Alkoholkonsum überarbeitet. Die neue „Null-Promille-Empfehlung“ der DGE stellt eine fundamentale Abkehr vom bisher veröffentlichten Referenzwert dar. Mit ihrem neuen Positionspapier zu Alkohol folgt die DGE damit der Argumentation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und beruft sich auf angebliche neue wissenschaftliche Erkenntnisse.

 

Wie steht die Weinwirtschaft zu der Aussage, Alkohol sei bereits in kleinsten Mengen gesundheitsschädlich?

 

Die zentrale Aussage des neuen DGE-Positionspapiers, dass es angeblich „keine potenziell sichere Alkoholmenge für einen unbedenklichen Konsum“ gebe und jeder Schluck Alkohol für jeden Menschen per se ein Gesundheitsrisiko darstelle, ist nicht richtig und wissenschaftlich nicht belegt. Die Forschung zeigt ein viel komplexeres Bild: Die möglichen Auswirkungen von Alkohol unterscheiden sich stark, je nach Geschlecht, Alter, Lebensstil, genetischen Faktoren und Gesundheitszustand. Bei der Beurteilung eines individuellen Risikos spielen die genannten Faktoren eine wesentliche Rolle, sie werden in der aktuellen öffentlichen Diskussion und der Stellungnahme der DGE aber fast vollkommen ausgeblendet.

 

Wein ist mehr als ein alkoholisches Getränk.

 

Ebenso gilt es, getränkespezifische Unterschiede zu beachten. Unabhängig vom Kultur- und Traditionswert sind neben den unterschiedlichen Trinkmustern dies v.a. die Zusammensetzung der Getränke. Im Wein sind neben dem Ethanol die weinspezifischen Phenole von besonderem Interesse. Sie verfügen über verschiedene gesundheitsfördernde Eigenschaften. So wirken sie als Antioxidantien, das heißt, sie schützen die Zellen im Körper vor schädlichen freien Radikalen. Außerdem können sie Entzündungen hemmen und dazu beitragen, den Blutzuckerspiegel zu normalisieren und die Cholesterinwerte zu verbessern. Wichtig ist auch, dass sie gemeinsam mit dem Ethanol die Blutgerinnung hemmen, wodurch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduziert wird. Deshalb wird angenommen, dass die Phenole im Wein mitverantwortlich sind für die positive Wirkung von moderatem Weinkonsum auf die Herz- und Gefäßgesundheit.

 

Die DGE stützt ihre neuen Trinkempfehlungen auf die sog. „Global Burden of Disease Study“ und auf Berechnungen der kanadischen Suchtorganisation „Canadian Centre on Substance Use and Addiction“ (CSSA). Wie sind diese Studien einzuordnen?

 

Es stellt sich vor allem die Frage, warum sich die DGE in ihren Handlungsempfehlungen auf die ältere Veröffentlichung der „Global Burden of Disease Study“ (GBD 2018) beruft, nicht aber auf die aktuelle Studie von 2022. Denn die jüngste Ausarbeitung der „Global Burden of Disease Study“ (GBD 2022) revidiert basierend auf einer differenzierteren Analyse die früheren Aussagen und identifiziert durchaus einen „sicheren, sogar protektiven Bereich“ für moderaten Alkoholkonsum bei Erwachsenen mittleren und höheren Alters. Es ist unverständlich, warum diese neuen Erkenntnisse von der DGE zwar nicht ignoriert, aber doch die falschen Schlussfolgerungen daraus gezogen wurden. Aus unserer Sicht sollten wissenschaftliche Korrekturen, wie sie in der Überarbeitung der GBD-Studie vorgenommen wurden, als Anlass dienen, auch die Handlungsempfehlungen der DGE nochmals kritisch zu hinterfragen. Auch Kanada taugt nicht als Vorbild, zumal auch die kanadische Regierung die Empfehlungen der Suchtorganisation (Canadian Center on Substance Use and Addiction CSSA) nicht übernommen hat. Die DGE hat auch nicht transparent gemacht, dass drei der federführenden Autoren des CCSA-Papiers seit Jahren für MOVENDI International, einer weltweit agierenden Alkohol-Abstinenz-Bewegung der Guttempler, tätig sind und dies auch entsprechend als Interessenskonflikt in der besagten Veröffentlichung angegeben haben.

 

Wie fundiert ist die These „Am besten null Promille“ aus wissenschaftlicher Sicht? Wie ist die aktuelle Studienlage?

 

Zunehmend weisen renommierte Wissenschaftler darauf hin, dass die pauschale Ablehnung moderaten Konsums wissenschaftlich nicht haltbar ist. Ein Beispiel ist der aktuelle Bericht der Dachorganisation der US-amerikanischen Wissenschaftsakademien NASEM (National Academies of Science, Engineering and Medicine) im Auftrag des US-Kongresses. Dort fassen 14 angesehene US-Wissenschaftler die aktuelle Studienlage gemäß den Standards seriöser Gesundheitsinformation zusammen. Inhaltlich ist vor allem die Trennung von Nie-Trinkern und ehemaligen Trinkern bedeutsam, weil damit Verzerrung durch Personen, die wegen Erkrankungen aufgehört haben zu trinken, vermieden werden. Im Ergebnis geht dem Bericht zufolge moderater Alkoholkonsum – definiert als 14 g / d für die Frau und 28 g / d für den Mann) gegenüber lebenslanger Abstinenz mit einem Überlebensvorteil einher (16 Prozent geringeres Sterberisiko). Der Bericht stützt die pauschale Empfehlung zur völligen Abstinenz also ausdrücklich nicht. Auch andere Wissenschaftler machen sich für eine differenzierte Sicht auf die von der WHO vorangetriebene These stark, wonach es kein sicheres Maß an Alkoholkonsum für die Gesundheit gibt. Sie bemängeln die ungesicherte Datenlage und fordern Medien und Gesellschaft auf, das Thema mit der nötigen Differenziertheit zu behandeln und nicht auf eine simple, aber letztlich irreführende Schlussfolgerung zu reduzieren. 

 

Wir sind überzeugt: Gemeinsames Ziel sollte es sein, der Öffentlichkeit Informationen bereitzustellen, die wissenschaftlich fundiert, seriös und lebensnah sind. Verbraucherinnen und Verbraucher dürfen von einer Institution wie der DGE, die nach eigenen Angaben zu etwa 75 Prozent aus Steuergeldern finanziert wird, eine wissenschaftlich basierte, unabhängige und vollständige Betrachtung solch eines komplexen Themas erwarten.

 

Warum konzentriert sich die Diskussion nur auf Alkoholmissbrauch?

 

Auch wenn der Konsum von Alkohol in Deutschland seit Jahrzehnten stark zurück geht und insbesondere junge Menschen heutzutage sehr viel bewusster und maßvoller alkoholische Getränke genießen, bleibt der Kampf gegen Missbrauch ein wichtiges gesellschaftliches und politisches Anliegen. Dieses Anliegen teilen auch wir. Kampagnen wie Wine in Moderation und Don´t Drink and Drive dokumentieren die Anstrengungen der Weinwirtschaft, gegen Missbrauch anzugehen und aktiv für Prävention zu werben.

 

Gleichzeitig weisen wir darauf hin, dass Wein mehr ist als ein alkoholhaltiges Getränk – er ist seit Jahrtausenden Bestandteil unserer Kultur, bringt Menschen zusammen, stiftet Gemeinschaft und Geselligkeit. Selbst die Weltgesundheitsorganisation definiert Gesundheit in einem ganzheitlichen Sinne: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht bloß das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“, heißt es in der Präambel der WHO-Verfassung. Wein – wie im Übrigen auch Bier in Maßen und bewusst genossen, haben in unserer Gesellschaftauch eine soziale und kulturelle Dimension, die in der Diskussion nicht ausgeblendet werden sollte. In Deutschlands Weinanbaugebieten, die jedes Jahr Touristen aus aller Welt anziehen, arbeiten rund 70.000 Menschen. Die deutsche Weinkultur gehört zum Immateriellen UNESCO-Kulturerbe. Der Weinbau wie das Brauhandwerk fußen auf uralten Handwerkstechniken, die seit Jahrtausenden von Generation zu Generation weitergegeben wurden, unser Wissen bereichert und unsere Bräuche ebenso wie Städte und Regionen nachhaltig geprägt haben. 

 

Weiterführende Informationen:

 

Richter M. et al. Ernährungsumschau International 10/2024 

 

Paradis, C. et al. CCSA.ca/sides/default/files/2023-01

 

Gakidou, E. Lancet 2018. 392(10152): p. 1015-1035 

 

Gakidou, E. and G.A. Collaborators. Lancet 2022. 400(10347):p. 185-235 

 

Gakidou, E. and G.A. Collaborators Lancet 2024;403: p 2163-2203 

 

National Academies Science Engineering Medicine (NASEM), news release Dec 17, 2024

 

„Weintrinker leben länger“: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung über Zweifel an den Aussagen der Weltgesundheitsorganisation

 

„Kulturgut Alkohol – die Deutschen zwischen Genuss und Gefahr“: Live-Diskussion im Deutschlandfunk u.a. mit DBB-Hauptgeschäftsführer Holger Eichele

 

„Alkohol ist nicht nur schlecht“: Die Süddeutsche Zeitung über den Stand der Forschung und positive Effekte bei moderatem Konsum

 

Genuss statt Alarm: SZ-Autor Dr. Werner Bartens analysiert in einem Youtube-Video die Studienlage zu Alkohol

 

„Wie viel Wein ist gesund?“: Der Spiegel über Kritik an den Warnungen von DGE und WHO

 

„Maßvoller Alkoholkonsum ist kein Tabu“: Interview mit DBB-Hauptgeschäftsführer Holger Eichele

 

„Alkohol-Studien entlarvt: Warum die Null-Promille-Regel in der Kritik steht“: Ernährungsforscher Uwe Knop im Magazin Focus über die Debatte um Alkohol und Gesundheit

 

„Wir kommen dem Sieg gegen den Krebs näher“: Der Vorsitzende des Sachverständigenrats Gesundheit, Prof. Michael Hallek, über den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Krebs

 

 

 

 


Jetzt ist aber auch mal gut

Harald Scholl über die mediale Darstellung von Wein

 

Text: Harald Scholl

 

Das Zeitungssterben ist eine gute Sache. Es hilft dem deutschen Wald. Weniger Papier, weniger gefällte Bäume. Damit ist das Klima schon halb gerettet. Keine Sorge – ich meine das nicht ernst. Aber dieser – Pardon! – schwachsinnige Gedanke ist von ähnlicher Brillanz wie ein aktueller Kommentar zum Thema «Weingütersterben».

 

Manchmal genügt ein Satz, um ein ganzes Handwerk zu diskreditieren. «Das Sterben der Weingüter ist eine gute Nachricht», schrieb kürzlich eine Kollegin der Süddeutschen Zeitung in einem Kommentar. Wie bitte? Eine gute Nachricht? Für wen denn? Für die Statistik vielleicht, für das Gesundheitsministerium von mir aus, für die Moralbilanz der Abstinenzbewegten höchstwahrscheinlich. Sicher aber nicht für die Familien, die seit Generationen Wein anbauen, Böden pflegen, Hänge terrassieren, Landschaften formen und erhalten – und deren Arbeit man nun mit einem Federstrich zum Kollateralschaden eines wie auch immer gesonnenen Gesundheitsverständnisses erklärt. Wer Weinbau auf die Formel «Alkohol gleich Tod» reduziert, hat vom Wesen dieses Kulturguts nichts verstanden. Aber mal so überhaupt nichts.

 

Der Wein ist kein Medikament, kein Drohstoff, kein Gift, keine Droge, sondern ein kulturelles Lebensmittel – so tief verwurzelt in der europäischen Geschichte wie Brot oder Olivenöl. Weinbau prägt Regionen, schafft Biodiversität, erhält Rebsorten, sorgt für Einkommen, Tourismus und Identität. Ihn abzuschaffen, weil es theoretisch gesünder wäre, wäre etwa so klug, wie eben Zeitungen nicht mehr zu drucken, um Bäume zu retten. Oder Autos zu verbieten, um Verkehrstote zu vermeiden. Es ist der Reflex der Übervereinfachung: Wenn etwas schadet, muss man es abschaffen – statt zu verstehen, was es wirklich ist. Natürlich: Alkoholmissbrauch ist ein Problem. Keiner, der im Wein lebt, leugnet das. Auch wenn Wein ganz sicher nicht das bevorzugte Rauschmittel der Alkoholkranken sein dürfte, weil seine Wirkung im Verhältnis zur erforderlichen Menge doch eher geringfügig ist. Aber es ist eine Frage des Masses, nicht der Moral. Wer Wein nur als Risiko begreift, blendet seine kulturelle, soziale und ökonomische Funktion aus.

 

Dass die WHO jüngst in ihrer Haltung gegenüber dem Alkohol mässigere Töne anschlug, ist kein Zufall. Sie hat erkannt, dass Differenzierung mehr bewirkt als Dogmen. Verbote, Steuererhöhungen, Stopp des nächtlichen Verkaufs – das sind bestenfalls Pflaster auf gesellschaftliche Wunden. Was wirklich hilft, sind Bildung, Bewusstsein, Qualität. Wer Wein versteht, trinkt definitiv anders. Gerade in Deutschland ist der Weinbau weit mehr als ein profaner Lieferant für Promille. Es sind über 15 000 Betriebe, meist Familienunternehmen, oft mit ökologischer Bewirtschaftung. Sie schaffen Arbeitsplätze, beleben Dörfer, pflegen Kulturlandschaften, die ohne Weinbau längst verwildert oder zubetoniert wären. Der Rückgang des Konsums trifft sie hart – nicht, weil sie mehr Flaschen verkaufen wollen, sondern weil er die Vielfalt gefährdet. Wenn kleine Weingüter sterben, verliert das Land nicht Alkohol, sondern Kultur.

 

Wie immer geht es um mehr Verständnis

 

Das eigentliche Problem liegt woanders: in der Entfremdung zwischen Stadt und Land, zwischen Theorie und Praxis. Wer aus dem Büro heraus über «die Deutschen und ihren Alkohol» schreibt, sieht Reben vielleicht nur im Glas, aber sicher nicht im Gelände. Weinbau ist harte, naturverbundene Arbeit, und Wein ist kein Industriegift, das man abstellen kann, sondern gelebte Tradition – und in ihren besten Ausprägungen ein Symbol für Achtsamkeit, Mass und Respekt. Es ist der Unterschied zwischen Bewusstsein und Belehrung. Man darf Wein kritisieren. Man soll – man muss sogar! – über die Risiken reden. Aber wer ernsthaft den Untergang ganzer Berufsgruppen als Fortschritt feiert, verrät den Respekt vor der Arbeit anderer – und vor der Komplexität der Welt. Es gibt kein gesundes Leben in einer Kultur, die alles nur in Gut und Böse einteilt, in Schwarz und Weiss. Der Mensch lebt nicht von Wasser allein.

 

Es ist Zeit, sich wieder an das Mass zu erinnern, das unsere Grosseltern kannten: ein Glas zur Freude, zum Genuss, nicht zum Vergessen. Genuss statt Rausch. Kultur statt Dogma. Und ein wenig mehr Demut vor dem, was Wein wirklich ist – Ausdruck eines Landes, das seine Vielfalt liebt, und einer Lebenskunst, die sich nicht in Prozenten messen lässt. Denn Wein ist kein Problem, sondern Teil des Lebens – wenn man ihn versteht. Wer das Sterben der Weingüter als Fortschritt feiert, verwechselt Moral mit Moralismus. Und dagegen muss man ein solches Plädoyer wie dieses halten für Mass, Kultur und Respekt gegenüber einem jahrtausendealten Handwerk, das weitaus mehr leistet, als nur berauschende Promille zu produzieren.

 

 

 

 



Experten widersprechen :

                                          Schluss mit dem Alkohol-Bashing!                                                                   

Ein Kommentar von Oliver Bock30.05.2025, 09:57Lesezeit: 2 Min.

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Weingut Gotthard Emmerich

Leutesdorf/ Mittelrhein - Weinbau seit 1651

Hauptstr. 80c, 56599 Leutesdorf

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